Zum Gedenken an das „Arbeitserziehungslager Nordmark“ am Russee, errichtet im Mai 1944, befreit am 04. Mai 1945

Dieter Heß am Gedenkstein
Dieter Heß am Gedenkstein Bild: Wolfram Baumgarten

Anlässlich der Gedenkfeier zum 74. Jahrestag der Befreiung des „AEL Nordmark“ durch die Engländer am 4. Mai 1945 sprach Dieter Heß zu den Anwesenden:

Wenn an die Verbrechen der Nazis gedacht und über sie geredet wird, fallen uns heute meistens sofort die großen, bekannten Vernichtungslager, wie Neuengamme und Auschwitz, die Gaskammern und Verbrennungsöfen und die unvorstellbar große Zahl der Opfer ein.  Das es damals aber oft in unmittelbarer Nähe der Städte, Dörfer und Häuser in allen Teilen Deutschlands das Entsetzliche, das unvorstellbare und unfassbare Leiden gab, wird oft vergessen. Ja, es wurde viele Jahrzehnte erfolgreich aus dem Gedächtnis der Kriegsgeneration und auch der nachfolgenden Generation verdrängt und vergessen. Man wusste, aber man redete nicht darüber. Aus Scham? Aus Schuldgefühl? Oder weil man das Unfassbare einfach nicht an sich heranlassen wollte?

Überall gab es Lager, in denen Menschen gefangen gehalten, misshandelt und zu Tode gebracht wurden. Durch Arbeit, Hunger, Krankheit und Kälte.

Wenn an die Ver
Bild: Wolfram Baumgarten
Hier, an dieser Stelle, wo wir heute, am 04. Mai 2019, zusammengekommen sind, hier an diesem landschaftlich so idyllischen Seeufer, wurde im Mai vor 75 Jahren zwischen Speckenbeker Weg und Rendsburger Landstraße das „Arbeitserziehungslager Nordmark“ errichtet. Es wurde von SS-Offizieren geleitet, mit SS-Angehörigen und Wachmannschaften betrieben, nicht nur deutscher Herkunft. Die Insassen waren überwiegend Zwangsverschleppte aus Russland, Polen, den baltischen Ländern und anderen von Deutschland besetzten Gebieten.

1944 wurden in Kieler Betrieben über 20.000 Zwangsverschleppte, Männer und Frauen, zum Teil noch sehr jung, eingesetzt, oft für die schwersten und gefährlichsten Arbeiten und unter den unterschiedlichsten Bedingungen. Wer nicht spurte, nicht sofort den Anweisungen der „Vorgesetzten“ folgte, wer vielleicht vor Hunger auf einem Feld sich Früchte genommen oder gar von mitleidigen Deutschen Essen angenommen hatte, wurde kurzer Hand in ein AEL eingewiesen. Die Häftlinge waren von Anfang an der Todesgefahr ausgesetzt.

Zu Beginn waren hier im Lager rund 100 Häftlinge. Es wurden in den Monaten danach immer mehr, 1945 im April dann annähernd 2.000, nachdem mit einem Elendsmarsch, dem Todesmarsch, Lagerhäftlinge aus Hamburg hier eintrafen.

Wir können uns heute kaum die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit und das Elend vorstellen, unter der die Häftlinge des Lagers ums nackte Überleben kämpfen mussten, oft vergebens. Der eigenen Kleidung beraubt, in Sträflingskleidung gesteckt, die zu dünn war, um gegen Kälte und Nässe zu schützen. Wir können kaum erahnen, was es bedeutet, wenn man der Freiheit, des Namens, der Würde und der Hoffnung beraubt wird und als Lebewesen für wertlos angesehen wird, gepeinigt, geschlagen und erniedrigt. Wir können uns schwerlich vorstellen, welche Verzweiflung die Willkür und die Brutalität der Wachmannschaften bei den Gefangenen auslöste. Wir können nicht bedenken, welche Gefühle die herannahenden, überfliegenden und Bombenabwürfe auch über Hassee machenden Flugzeuge der Alliierten auslösten, denen die Insassen des Lagers schutzlos ausgeliefert waren. Die Häftlinge des Lagers, Männer wie Frauen, hatten ununterbrochen den Tod und die Vernichtung vor Augen, sahen unvorstellbare Grausamkeiten, begangen durch die Wachmannschaften. Die geringste Verfehlung, oft nur die Laune der Wachmannschaften zog körperliche Strafen nach sich, Schläge mit der Peitsche, Sonderbehandlung durch tageslanges einsperren in enge, kalte und feuchte Arrestzellen, in den oft das Wasser stand, höher als die niedrigen und kargen Pritschen, und durch Nahrungsentzug.

Viele starben an den Folgen von Misshandlung, Erschöpfung und vor Hunger. Viele wurden willkürlich durch Genickschuss umgebracht.

Täglich wurden die Gefangenen zur Arbeit durch die Hasseer Straße, die Rendburger Landstraße und die anderen Straßen, die in die Stadt führten getrieben, unter anderem zum Trümmerräumen. Die Nahrung für die Häftling bestand meist aus 2 Scheiben Brot, etwas Rübenkaffee und einem Teller dünner Suppe, pro Tag. Zum Schluss nicht einmal mehr das Wenige. Die hygienischen und sanitären Verhältnisse für die Gefangenen waren katastrophal! Gefangene, die krank wurden, wurden kurzerhand liquidiert, durch Einspritzung eines tödlichen Mittels.

Und alles unter den Augen der Bevölkerung! Warum lehnten sich niemand dagegen auf? Man sah doch beinahe täglich die Kolonnen verelendender Menschen durch Hassee ziehen, zerlumpte, kraftlose, verschmutzte Gestalten? Begehrte man nicht auf, weil man abgestumpft war, weil man das Elend nicht sehen, nicht wahrhaben wollte?

Grundmauern einer ehemaligen Baracke
Heute sind nur noch einige Grundmauern zu sehen Bild: Wolfram Baumgarten

Als Kind habe ich noch in den Resten des Lagers mit anderen Kindern Verstecken und Cowboy und Indianer und ähnliche Spiele gespielt. Niemand sagte uns: „Das dürft ihr nicht! Hier ist Schreckliches passiert!“ Man schwieg und schwieg und schwieg. Und wir Kinder fragten auch nicht. Warum auch! Wir wurden wohl gewarnt, nicht in den alten, gesprengten Flak-Bunkern im Aubrook zu spielen. Das sei gefährlich, wegen loser Decken und Wände und wegen der scharfen Munition, die noch irgendwo vergraben sein konnte. Aber Baracken, Betonkammern ohne Türen an den verrosteten Scharnieren und alte Häuser, was sollte daran schon Gefährliches sein! Ein idealer Spielplatz!

Erst als junger Erwachsener begann ich Fragen zu stellen, erst meine Eltern, dann Nachbarn und schließlich Anwohner, unter anderem einen inzwischen verstorbenen direkten Anwohner, der genau gegenüber vom Lager sein Haus hatte und in das Lager einsehen konnte, ein überzeugter Sozialdemokrat.

Eine der häufigsten Antworten war:

Man habe ihnen gesagt, die Häftlinge seien alles Schwerverbrecher. Die hätten ihr Schicksal selbst verdient. Mit ihnen dürfe man wirklich kein Mitleid haben. Man dürfe sie nicht einmal als Menschen betrachten. Sie seien arbeitsscheues, kriminelles Ungeziefer, das an der Volksgemeinschaft schmarotze.

Unverhohlen habe man ihnen gedroht, wenn sie den Gefangenen zur Hilfe kämen oder ihnen Essen zustecken würden, wären sie selbst des Verbrechens am deutschen Volk schuldig. Man würde auch sie auch in die Gefangenschaft ins Lager schicken.

Viele derer, die die Elendszüge an ihren Häusern vorbeiziehen sahen, wussten wohl, oder ahnten zumindest, dass ihnen nicht die Wahrheit gesagt worden war. Aber sie hatten Angst, Angst vor den Schergen des Regimes, Angst vor Denunziation, Angst um die Familie, Angst, selbst in die Fänge des Regimes zu geraten.

Außerdem, auch das eine häufige Antwort, habe man alle Hände voll zu tun gehabt, selbst in dieser schweren Zeit zu überleben. Jeden Tag aufs Neue bedroht von den Bombern der Feinde, die von Süden her über Hassee einflogen. Die ihre Bomben in Notabwürfen über Hassee entluden, wenn sie ihr Ziel nicht gefunden hatten oder vom Flak-Beschuss beschädigt umkehren mussten. Die ständige Flucht in die Luftschutzkeller und das bange Abwarten, ob man diesen Angriff überleben, sein Zuhause heil oder brennend und zerstört vorfinden würde, beschäftigte mehr als das Schicksal der Gefangenen.

Können wir die Menschen verurteilen, die tatenlos zusahen, was mit den Lagerinsassen passierte? Glauben wir, anders zu handeln, wenn wir heute vor eine ähnliche Situation gestellt würden? Bevor wir ein Urteil fällen, über jene, die zusahen, was an den Häftlinge geschah, sollte jede und jeder von uns in sich gehen und sich fragen: „Wie hätte ich reagiert!“

Auch der Genosse, der alles aus nächster Nähe beobachtet hatte, war wahrhaftig kein Feigling. Aber auch er wollte mit seiner Familie überleben. Er musste aus nächster Nähe den Gräuel zusehen, erleben wie der Todesmarsch hier ankam, und die Überlebenden auf offenem Feld, ohne ausreichend Essen und Trinken, gefangen gehalten wurden. Nach dem Krieg stellte er sich als Zeuge gegen die verbrecherischen Wachmannschaften zur Verfügung. Er erzählte mir, anfänglich hätten die Alliierten noch Interesse daran gehabt, die Verbrechen aufzuklären.  Das änderte sich aber mit dem Beginn des Kalten Krieges. Von da an musste er sich hüten, Namen zu nennen. Manche seiner Gegner gehörten zu durchaus angesehenen Familien in und um Hassee und Kiel. Und sie konnten sich den Beistand namhafter Anwälte leisten. Er war nicht der Einzige, der jetzt wieder zum Schweigen verurteilt war.

In den meisten Familien, die ich in meiner Kindheit und Jugend kannte, wurde wenig über den Krieg geredet. Wenn überhaupt, dann über das eigene Erleiden und die eigenen Verluste. Die Leiden der Kriegsversehrten, die Not der Kriegerwitwen, die Ungewissheit über die zahllosen Vermissten, das waren schon Gesprächsthemen. Und auch die Erzählungen der heimgekehrten Soldaten über ihren Kampf in der Ferne und ihre Kriegsgefangenschaft waren allgegenwärtig in den Familien und am Stammtisch. Aber über die Opfer der Nazi-Herrschaft, die misshandelten und ermordeten Menschen hier im Lager erfuhr man nur etwas, wenn man direkt fragte. Und dann nur sehr, sehr verhalten und zögerlich.

Und die Stadt Kiel? Gedachte die offizielle Politik jetzt endlich der Opfer? Mitnichten! Man schwieg beharrlich oder stritt sich mit Russee darüber, ob das AEL Russee namentlich Kiel oder dem damalig noch selbständigen Dorf zuzurechnen sei. Es setzte ein erbärmliches Gezerre darüber ein, wie man mit dieser Vergangenheit umgehen sollte. Die damals gefundenen Überreste der Ermordeten wurden in Massengräbern auf dem Eichhof verscharrt, abseits, fast nicht auffindbar.

1964 setzte sich der Pastor der Russeer Kirchengemeinde, Uwe Jacobsen, dafür ein, zumindest einen Gedenkstein auf dem Gelände aufzustellen. Vergeblich!

Gedenkstein am AEL Nordmark
Der Gedenkstein am AEL Nordmark Bild: Wolfram Baumgarten

1969 führte ein neuerlicher Versuch endlich dazu, dass mit zweijähriger Verzögerung an der Ecke Seekoppelweg ein Findling enthüllt wurde mit der Inschrift:

„Den Opfern des Nationalismus. An dieser Stelle stand in den Jahren 1944 – 1945 das NS-Arbeitserziehungslager“.

Die Enthüllung des Steines fand nicht etwa am Volkstrauertag oder am Tag der Befreiung des Lagers statt, sondern am damaligen Tag der Deutschen Einheit, dem 17. Juni 1971!

Ebenfalls 1969 unternahm auch Edgar Krämer den vergeblichen Versuch, auf das AEL aufmerksam zu machen. Krämer war ein Zögling NS-Eliteschule Stuhm in Westpreußen und erst Ende der 1950 Jahre nach Kiel gekommen. Er hatte das Elend des KZ‘s Stutthof bei Danzig gesehen. Dieses Bild konnte er nie vergessen. Er wandte sich an mehrere Zeitungen und beklagte, dass nichts, aber auch gar nichts mehr an das Lager erinnerte. Alles war abgeräumt, fortgeschafft und unsichtbar gemacht. Stattdessen war auf dem Gelände ein Gewerbegebiet und ein Sportplatz entstanden. War es nur Gedanken- und Instinktlosigkeit, die eine mögliche Gedenkstätte konsequent zubetonierte?

An den Volkstrauertagen wurde wohl an die Zerstörungen des Krieges, die gefallenen deutschen Soldaten und die Opfer unter der deutschen Zivilbevölkerung erinnert. Nie wieder durfte so etwas noch einmal geschehen! An die Opfer der Gewaltherrschaft Nazi-Deutschlands unter der Bevölkerung der anderen vom Weltkrieg betroffenen Nationen wurde erst viel später gedacht. So auch an die Häftlinge des Arbeitserziehungslager am Russee in Kiel-Hassee.

Am Gedenkstein am Seekoppelweg trafen sich Ende der 70. Jahre dann dankenswerter Weise die Mitglieder des Arbeitskreises „Asche-Prozess“, um an die Opfer des NS-Terrors zu erinnern und einen Kranz niederzulegen. Aber dieser Arbeitskreis wurde von offizieller Seite missachtet und die Feierstunde ignoriert.

Ich nahm 1978 als direkt gewählter Ratsherr von Hassee und Russee an diesem Gedenken teil, inoffiziell. Es war mir ein persönliches Anliegen, dort an dem Tag, an dem Ort dabei zu sein, ich empfand Trauer und Scham!

Schließlich waren es Mitglieder der Ratsversammlung und der SPD, die sich für eine Gedenkstätte einsetzten und auch durchsetzen konnten. Maßgeblich handelte es sich um Eckehard Raupach und Dr. Ulrich Erdmann. Das wir heute hier stehen können ist ihr großer Verdienst. Ich danke ihnen und allen Beteiligten von ganzem Herzen!

Die Prozesse der Alliierten in Lübeck im Herbst 1947:

Der Lagerkommandant des AEL wurde zum Tode durch Erhängen verurteilt, nicht wegen seiner Gräueltaten im Arbeitserziehungslager, sondern wegen der Erschießung britischer Bomber-Piloten. Sein Stellvertreter wurde ebenfalls hingerichtet. Der sogenannte „Lagersanitäter“, ein dänischer Bürger, wurde wegen der Ermordung Schwerkranker ebenfalls zum Tode verurteilt, das Urteil aber auf Intervention des dänischen Königshauses zu lebenslanger Haft umgewandelt, aus der er vorzeitig entlassen wurde. Einige weitere Täter wurden zu Haftstrafen bis zu 20 Jahren verurteilt, aber alle spätestens nach 10 Jahren entlassen. Andere konnten sich ganz der Verurteilung entziehen. Manche haben ihre Taten sicher bereut, aber geschwiegen. Viele aber niemals Reue gezeigt und sich nahtlos in die neuen Verhältnisse der Nachkriegszeit hineingeschmuggelt.

Es gab in der Zeit nach dem Krieg, bis heute, viele Kieler Firmen und Betriebe, auch hier in Hassee, die sich nicht der Verantwortung gestellt und sich zur Beschäftigung oder Misshandlung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern oder zur Belieferung des Lagers mit Material, Ware und tödlichen Medikamenten bekannt haben. Es wäre zu wünschen, wenn sie oder ihre Nachfolger und Nachkommen wenigstens jetzt endlich den Mut und die Ehrlichkeit haben würden, zu ihrer Geschichte zu stehen.

Ich empfinde es als eine erneute Erniedrigung der damaligen Opfer dieses Lagers, die Namen ihrer Peiniger hier an diesem Ort gleichzeitig mit ihren Namen nennen.

Jene, die sich freiwillig zu Handlagern des Unrechtsregime gemacht hatten, zeigen uns, wozu Menschen fähig sind, wenn die moralischen und ethischen Grenzen einer Gesellschaft verschoben oder gar aufgehoben werden. Wie schnell können Menschen zu charakterschwachen und verantwortungslosen Feiglingen werden, die ihre vermeintliche Macht dazu benutzen, Mitmenschen, die ihnen ausgeliefert werden, zu erniedrigen, zu quälen und zu vernichten. Das Leiden und das Schicksal der Häftlinge des Lagers am Russee in Kiel muss uns Mahnung und Auftrag sein! Sorgen wir dafür, dass es nicht wieder zum Verdrängen und Vergessen kommt! Geben wir unser Wissen weiter an die nächste Generation! Achten wir sorgsam darauf, dass wir nicht durch unsere Sprache und unser Verhalten eines Tages zu Tätern werden. Wir müssen uns immer wieder prüfen und befragen, ob wir uns nicht in Ängste und Vorurteile hineinziehen lassen, die wieder den Nährboden für Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus bereiten. Wir müssen den Mut haben, uns gegen solche Tendenzen zu wenden, wo immer sie uns begegnen. Erst das gibt unserem Gedenken einen Sinn und eine Berechtigung

Lasst uns nie vergessen, wozu wir Menschen fähig sind, wenn wir nicht unablässig an der Bewahrung einer starken demokratischen Gemeinschaft arbeiten!

Durch Historikern wie Detlef Korte, Franz Brinkmann und anderen konnten den meisten der etwa 600 Opfer ihr Name zurückgegeben werden und durch das Aufdecken und das Gedenken ihrer Leiden auch ihre menschliche Würde.

Blumen am Gedenkstein des AEL Nordmark
Bild: Wlfram Baumgarten
Ich verneige mich vor den Menschen, die hier im Arbeitserziehungslager Nordmark, am Russeer See gelitten haben und allen, die hier ihr Leben lassen mussten.

 

Kiel-Hassee, den 04. Mai 2019

Dieter Heß

 

 

Mehr zur Geschichte des AEL Nordmark erfahren Sie auf den Seiten der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte.