Blogbeitrag von Jürgen Weber, Historiker, MdL a.D.


Ein historischer Stadtrundgang in der südlichen Innenstadt – dem alten „Kieler Süden“ – führt weniger zu Orten bedeutender Ereignisse der Stadtgeschichte, zu Spuren besonders prominenter Kielerinnen und Kieler als vielmehr in ein Quartier, in dem Menschen gelebt und gearbeitet haben, die in besonderem Maße für Demokratie, soziales Miteinander und letztlich die Verteidigung der Republik gegen ihre Feinde von „rechts“ und „links“ eingetreten sind. Der Kieler Süden war ein Bollwerk der Republik in Kiel.

  • Wir beginnen den Spaziergang am Hans-Söhnker Eck, an der Kreuzung von Harmsstrasse und Papenkamp. In der Harmstr. 73 wohnte längere Zeit die Familie des bekannten Schauspielers, der hier aufwuchs. Vater Edmund, aus politischen Gründen auf der kaiserlichen Werft entlassen, wurde führendes Mitglied der Kieler SPD, Mitbegründer Volksbühne und Geschäftsführer der Volkszeitung. Sein Engagement galt den Angeboten an Kunst und Kultur für die Arbeiter und ihre Familien in Kiel.
  • Der Weg führt uns weiter zur Harriesstrasse. Sie bzw. ihre Bewohner bildeten nicht nur ein politisch „rotes“, sondern vor allem auch ein „schwarz-rot-goldenes“ Quartier. Die Stärke der SPD und gleichzeitig ein republikanisch-demokratisches Selbstverständnis kamen hier zusammen. Bei Wahlkämpfen und anderen besonderen politischen Anlässen wie z.B. dem Verfassungstag (am 11. August) wurde neben Parteifahnen vor allen schwarz-rot-gold geflaggt. Und weithin sichtbare Transparente wurden zwischen die dritten Stockwerken der Hausnummern 41 und 42 gespannt. Im dritten Stock von Nr.41 wohnte die Familie Bülck. Reinhold Bülck war von Beruf Schmied, SPD-Mitglied und aktiv im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Im dritten Stock von Nr.42, auf der anderen Straßenseite, wohnte der Arbeiter Johannes Reimer mit seiner Familie, alle aktiv im Arbeitersport in der Freien Turnerschaft. Auch Johannes Reimer war Reichsbannermann.
  • In dieser Straße lässt sich einiges von dem zeigen, was sich an politisch-gesellschaftlichem Leben in der Kultur der traditionellen Arbeiterbewegung vorfinden lässt. Die meisten Kinder und Jugendlichen – Mädchen wie Jungen – waren in den Arbeitersportvereinen organisiert. Hier wohnten die Vorsitzenden mehrerer dieser Vereine. Zwei Stadtverordnete (Ratsmitglieder) kamen aus der Harriesstrasse und der spätere Stadtpräsident Hermann Köster wuchs hier auf. Hier gab es eine demokratische „Straßengesellschaft“ – es war die „Strasse der Republik“, wie viele Quellen bezeugen.
    • Weiter geht es zur Kastanienstrasse, wo auf den Hinterhöfen das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold seine Lager hatte. Diese heute nur wenig bekannte Organsiation wurde 1924 als überparteilicher Republikschutzverband gegründet. Die Aktiven bestanden zum großen Teil aus Sozialdemokraten. Je gewalttätiger die Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik wurden, desto mehr wurde das Reichsbanner zum Schutz für Veranstaltungen demokratischer Parteien. Nirgendwo in Kiel war das Reichsbanner so stark wie im Kieler Süden.
    • Im Papenkamp 54 war die 11. Knabenvolksschule. Heute ist dort eine Baulücke und der Durchgang zur Fockstrasse. Hier trafen sich demokratische Jugendgruppen und hier waren die Stimmbezirke für das Quartier Krei’nbarg, durch das der Spaziergang führt. Selbst als im Sommer 1932 die NSDAP zur stärksten Partei im Reich, im Land und in der Stadt aufgestiegen war, erhielt die SPD hier noch mit 368 die meisten Stimmen. In der Summe waren die Feinde der Republik aber auch schon stärker: die NSDAP mit 279 und die KPD mit 155 Stimmen.
    • Ein Stück weiter auf der anderen Straßenseite der Papenkamp 55a. Hier wohnte August Rathmann, gelernter Tischler, der als einer der ersten den vom jetzt demokratischen Preußen neugeschaffenen zweiten Bildungsweg einschlug und es schaffte, ein Studium aufzunehmen. Er wurde deutschlandweit bekannt und war ein wichtiger Herausgeber von reformsozialistischen Publikationen.
    • Der Weg führt uns dann zur Moorteichwiese, seinerzeit ein wichtiger Platz für den Arbeitersport. Die Sportbewegung war bis 1933 tief gespalten und große Teile der bürgerlichen Sportvereine noch tief verwurzelt in wilhelminischer Vergangenheit und deutschnationalem Denken. Der Arbeitersport stellte zusammen mit Gewerkschaften, den Arbeiterkulturvereinen, der Konsumgenossenschaft und nicht zuletzt der politischen Organisationen der Arbeiterbewegung eine Art Gegengesellschaft dar, die nun aber in der Republik nicht mehr Opposition sondern Mitgestalter sein wollten.
    • Beim Gang durch die Melanchtonstrasse passieren wir das Haus Nr. 11, in dem der Schriftsetzer Wilhelm Kuklinski wohnte, einer der Mitbegründer der Arbeiterjugendvereine. Von 1946 bis 1950 war er Mitglied des Landtages von Schleswig-Holstein. 1946 wurde er für drei Jahre Minister für Volksbildung.
    • In der Kirchhofallee 98 (heute Saarbrückenstr. 18) wohnte Wilhelmine Lill, Sekretärin beim Deutschen Metallarbeiterverband, mit ihren Kindern. Einer von ihnen, Theo, war Landesvorsitzender der Kinderfreunde, einer Organisation für Kinder aus Arbeiterfamilien. Die bekannte erste Kinderrepublik überhaupt, die 1927 in Seekamp bei Kiel mit über 2000 Kindern aus ganz Deutschland und den Nachbarländern durchgeführt wurde, wurde u.a. auch hier mit geplant.
    • Ein Stück weiter, hinter dem Dubenhorst, wurde der erste städtische Kindergarten eröffnet. Hier gab es auch städtische Wohnungen für alleinziehende Mütter. Soziale Projekte der Stadt Kiel waren eng mit dem demokratisch-republikanischen Milieu im Kieler Süden verbunden.
    • Im Viereck Stadtfeldkamp, Calvinstrasse, Lüdemannstrasse und Lutherstrasse gab es eine besonders aktive Gruppe des Jungbanners, der Jugendorganisation des Reichsbanners. Das waren Lehrlinge und junge Arbeiter aus ganz verschiedenen Berufen. Hier kann man zeigen, wie eine demokratisch-republikanische Jugendkultur in den Jahren der Herausforderungen, vor allem durch rechtextremistische Verbände wie erst dem Stahlhelm und dann zunehmend der SA, sich selbst verstärkt nicht nur selbstbewusst sondern auch militant aufstellte. Als die Bedrohungen wuchsen, schloss man sich zu uniformierten Schutzformationen zusammen. Nicht alle aus der traditionellen Arbeiterbewegung und schon gar nicht das zahlenmäßig kleine liberal-demokratische Bürgertum konnte sich damit richtig anfreunden. Die Geschichte dieser jungen Republikaner muss aber erzählt werden.
    • Unmittelbar dazu gehört die vorletzte Station des Spaziergangs, die Lutherstrasse 24. Hier stand die Gaststätte „Zur neuen Welt“, Verkehrslokal des Reichsbanners und das letzte Bollwerk der Republik in der Stadt. Nachdem am 29.4.1933 hier bei der letzten offenen Auseinandersetzung von Republikanern und Nationalsozialisten ein SA-Mann zu Tode kam, verwüstete am 3.Mai 1933 ein großes Aufgebot von SA und SS das Lokal, das danach geschlossen wird.
  • Auf dem Rückweg führt der Weg durch die Fockstrasse. Hier wohnte eine Zeitlang der Seemann Oskar Nielsen. An seinem letzten Wohnort im Westring 202 ist ein Stolperstein für ihn verlegt. Nielsen war ein typischer Vertreter des Bollwerks im Kieler Süden. Er blieb aktiv auch nach 1933 und war im Widerstand aktiv. 1938 wurde er verhaftet als er sozialdemokratische illegales Material transportierte. Wenig später fand man ihn erhängt im Kieler Polizeigefängnis. Ganz genau sind die Umstände seines Todes nie ermittelt worden.
  • Namen und Geschichten sind Beispiele. Leben, Arbeiten, Wohnen, Freizeit oft in materieller Not, in wenigen Jahren, in denen nach Weltkrieg, Revolution, Putschversuchen und weiter existierenden reaktionären Strukturen in Militär, Justiz und manchmal auch Verwaltungen nur wenig Zeit blieb, Demokratie mit Leben zu füllen. Republik war nicht das Ziel. Die sozialistische Utopie, die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft blieben präsent. Aber die Republik war die Voraussetzung von allem. Daher musste die verteidigt werden. Nicht wenige wurden anfällig für Demagogen und Heilsverkünder, sei es bekleidet mit Hakenkreuz oder Sowjetstern.
Aber doch sehr, sehr Viele haben hier Zeugnis abgelegt für ihre demokratischen Überzeugungen. Durch nichts weniger als ihr tägliches solidarisches Leben unter- und miteinander.