Rotkielchen Blog: Mit russischer Abstammung mittendrin, ein persönlicher Eindruck


Ich bin 1996 in Moskau geboren und seit Anfang 1997 in Deutschland aufgewachsen. Zu 99, eure hinzugedachten Dezimalstellen % bin ich also ein Deutscher. Allerdings lässt mich das aktuelle Klima in Bezug auf mein Geburtsland nicht kalt. Das Wichtigste vorweg: Diskriminierungen meiner Abstammung wegen habe ich noch nicht erlebt. Letztlich die Initialzündung zu diesem Artikel war aber ein Interview des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk in der FAZ vom 05. April 2022. Darin behauptete er, dass alle Russen Feinde der Ukraine seien. Zudem sei die Vernichtung der Ukraine schon seit Jahrzehnten geplant, sodass Russen im Gegensatz zur russischen Kultur zu meiden seien. Da habe ich mich dann doch ziemlich betroffen gefühlt; trotz deutscher Sozialisation seit der Krabbelgruppe. Von daher stellen sich zwei Fragen, den man dringend mal auf den Grund gehen sollte: wie geht man mit dem Thema Russland an sich um und wie sollte man mit in Deutschland lebenden Menschen russischer Abstammung umgehen.

Zunächst einmal vorweg: die Äußerungen von Andrij Melnyk kommen nicht mal ebenso ohne Kontext. Er vertritt ein Land, welches der russische Führungsstab zur Erfüllung der feuchten zaristisch geprägten Imperialismusträume von Wladimir Putin gerade zu überrennen versucht. Putin mag nach außen kommunizieren, dass die Ukrainer*innen alle Faschist*innen seien, welche die russischsprachigen Ukrainer*innen vernichten wollen. Insgeheim geht es Putin aber darum, sein persönliches russisches Großreich wie bei Peter dem Großen aufzubauen. Insofern ist bei Wladimir Wladimirowitsch Putin sein Name Programm, denn der Name Wladimir bedeutet auf altslawisch „groß in seiner Macht“.

Nun muss man sich einmal in die Lage der Ukrainer*innen hineinversetzen. Stellt euch vor, ihr kommt aus dieser Nation. Dann kommt der Präsident einer anderen Nation und möchte sich deine Heimat einverleiben. Schlimmer noch, er möchte dich und deine Ethnie auslöschen. Es ist also eine gröbste Notlage gegeben. Dass dann pauschale Äußerungen gegenüber dem Angreiferstaat entstammenden Menschen kommen, erscheint auf einmal sehr menschlich. Es mag sein, dass die Äußerungen von Andrij Melnyk unangemessen sind. Es ist aber aktuell nicht der Zeitpunkt, um dies zu kritisieren. Und das müssen sich in Deutschland lebende Russ*innen eingestehen. Bleiben wir bei dem Wort eingestehen.

Da gibt es nämlich so einiges, was auf in Deutschland lebende Russ*innen zukommt. Häufig ist es so, dass „ein bisschen Herkunftsland“ bei Migrant*innen noch übrig bleibt. Kritik erscheint dadurch weniger schlüssig. Nichtsdestotrotz muss es aber Grenzen geben. Als Russe bekommt man die Privilegierungen hier in Deutschland deutlich aufgezeigt: Demokratie, Rechtssicherheit, Aufstiegschancen… die Liste ließe sich noch deutlich fortführen. Erdogan, Putin und ähnlichen Despoten auf der Straße Anerkennung zu zollen ist da im wahrsten Sinne des Wortes ignorant; ignorant gegenüber den Säulen, welche unser wechselseitiges Zusammenleben tragen. Und das ist nicht nur eine Aufforderung an meine seit 2005 ehemaligen Landsleute. Wir müssen alle dafür einstehen, dass unsere grundlegendsten Werte in Sicherheit sind.

Es gibt aber einen zentralen Punkt, da wünsche ich mir als russisches Einwandererkind gerade gegenüber Angehörigen anderer Ethnien etwas mehr. Es wäre zutiefst wünschenswert, wenn man nicht alle Russ*innen für den Krieg in der Ukraine verantwortlich macht. Die allermeisten Russ*innen oder Russischstämmigen kennen Putin weder persönlich noch können sie die den Krieg tragenden Entscheidungen beeinflussen. Ganz besonders gilt dies bei Einwanderer*innen. Daher: fordert doch bitte nicht andere Menschen zur Rechtfertigung auf, nur weil sie eine Einwanderungsgeschichte nach Russland haben. Letztlich stempelt man so andere Menschen nur wegen ihrer Abstammung ab. Diese künstliche Grüppchenbildung sanktioniert Menschen ohne Schuld und beeinträchtigt dies, was wir alle auch damit eigentlich erreichen wollen: ein gedeihliches Miteinander.

Alles in einem sollten wir uns alle – Deutsche, Russ*innen, Ukrainer*innen und so weiter und sofort – auf unsere grundlegenden Werte besinnen: Offenheit, Toleranz, Solidarität und gerade auch Unvoreingenommenheit. Gerade letzteres mag eine Herausforderung sein. Anders werden wir aber den gesellschaftlichen Herausforderungen dieses Krieges nicht begegnen können.

In diesem Sinne: slava ukrainy!

-Alexander Siniatchkin