Geschichte: Traditionsfahne Neumühlen-Dietrichsdorf

Heute 22.06.18

Geschichte
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Traditionsfahne Neumühlen-Dietrichsdorf

Der Bericht stammt von der Seite über den Ortsverein in der SPD-Geschichtswerkstatt, auf der auch weitere Quellen zu finden sind.

Der Ortsverein gehört zu denjenigen, die über eine Traditionsfahne verfügen. Den Abriss über ihre Geschichte (2003, ergänzt 2013) stellte uns Sönke Petersen zur Verfügung.

Beschreibung

Größe: 140 X 110 cm

Vorderseite: Roter Baumwollstoff, aus einem größeren und zwei kleineren Teilen zusammengesetzt. Schriftzug im oberen Teil: "S.P.D." (Ursprünglich stand dort U.S.P.; die Einstiche der Stickfäden sind noch deutlich zu erkennen.) In der Mitte steht eine symbolisierte Fackel, links davon "Neumühlen-", rechts davon "-Dietrichsdf." (Offensichtlich reichte der Platz zur vollständigen Ausschreibung von Dietrichsdorf nicht aus.)

Rückseite: Roter Wollstoff, in der Mitte eine aufgehende Sonne mit Strahlenkranz aus goldenen Stickfäden. Darüber im Halbkreis: "Durch Nacht zum Licht!" (Ein alter Freidenkerspruch.) Alle Zeichen sind mit schwarzem Baumwollfaden gestickt und goldumrandet.

Geschichte

Es ist ganz offensichtlich, dass die Traditionsfahne aus den beiden Fahnen des ehemaligen U.S.P.-Ortsvereins und des SPD-Ortsvereins zusammengefügt wurde.

Vorderseite: Die Fahnenweihe der U.S.P.-Fahne fand anlässlich des 1. Mai-Feiertages 1919 auf dem Marktplatz (heute Probsteier Platz) in Dietrichsdorf statt. Die neue Fahne wurde wahrscheinlich erst im letzten Moment fertiggestellt, denn im gemeinsamen Aufruf der U.S.P.-Ortsvereine Neumühlen-Dietrichsdorf, Mönkeberg und Schönkirchen am 26. April 1919 wurde nur zu einer öffentlichen Volksversammlung in den "Krug zum grünen Kranze" am Vormittag und zu einem Familienausflug zum Restaurant Heuk in Schönkirchen am Nachmittag eingeladen. Erst am 30. April erfolgte eine "Ergänzung zum Maifeier-Programm" in der Zeitung Die Republik. Darin wurde zur Teilnahme an der Fahnenweihe aufgefordert mit dem Hinweis, dass die Fahne von den Genossinnen des Ortsvereins gestiftet sei. Nach erfolgter Weihe sollte "mit voller Marschmusik" der Abmarsch nach Schönkirchen erfolgen. An die Kinder sollten zuvor rote Fähnchen ausgegeben werden.

Durch Abspaltung von der SPD hatte sich, so wie im übrigen Reich auch, in Neumühlen-Dietrichsdorf im April 1917 ein U.S.P.-Ortsverein gegründet. Als es im Oktober 1920 im gesamten Reich zum Bruch mit den kommunistisch orientierten Parteimitgliedern kam, verblieb nur noch eine kleinere Anhängerschar in der alten Organisation. In Dietrichsdorf vollzog sich die Abspaltung der Kommunisten am Freitag, dem 29.10.1920. Der Gemeindeverordnete und Parteifunktionär Karl Suhling versuchte mit einigen anderen Rechtsorientierten, die USPD vor Ort weiter zusammen zu halten. Als sich aber allgemeine Auflösungstendenzen zeigten, kehrte er am 1. Juni 1921, nach über vier Jahren, wieder zu seinem alten SPD-Ortsverein zurück. Suhling war damals eine prominente Persönlichkeit im Ort, denn seit 1907 war er Vorsitzender der "Neumühlener Rosengilde von 1821", einer der größten Organisationen in Dietrichsdorf. Auch war er über Jahrzehnte Schiedsmann. Karl Suhling hat vermutlich die U.S.P.-Fahne bei seiner Rückkehr mitgebracht.

Rückseite: Anlässlich der Mitgliederversammlung des Sozialdemokratischen Vereins Neumühlen-Dietrichsdorf am Montag, dem 13.10.1919, wurde u.a. auch die Bildung eines Fahnenfonds zur Anschaffung einer Parteifahne verkündet. Es ist anzunehmen, dass die dafür erforderlichen Geldmittel durch Spenden zusammengebracht werden sollten. Ein halbes Jahr später, auf der Jahreshauptversammlung am Montag, dem 19.4.1920, wurde berichtet, dass sich im Fahnenfonds 472,70 Mark angesammelt hätten. Ortsvereinsvorsitzender war damals W. Troost (wohnhaft Schönberger Straße 17, die spätere Schönkirchener Straße). Der Ortsverein hatte damals 1009 Mitglieder!

In der Zeit danach sind keine weiteren Hinweise zur Fahne zu finden. Im Bericht über die Jahreshauptversammlung am Montag, dem 12.4.1921, wurde der Fahnenfonds nicht mehr erwähnt.

Über die Zusammenfügung der U.S.P.-Fahne mit der SPD-Fahne gibt es keine Erkenntnisse. Es könnte aber angenommen werden, dass die SPD-Fahne noch nicht existierte oder erst in Arbeit war, als Karl Suhling im Juni 1921 zum Ortsverein zurückkehrte. Vielleicht wurden beide Fahnen als Symbol der "Wiedervereinigung" miteinander verbunden oder aber einfach nur deshalb, weil man Kosten sparen wollte.

Verbleib der Fahne während des NS-Regimes

Zwischen 1933 und 1945 wurde die Fahne vermutlich über die Jahre von mehreren Genossinnen und Genossen versteckt. Nicht eindeutig belegt ist, dass sie u.a. in der Bettdecke der Genossin Ida Münzmay, Luisenstraße, verborgen wurde. Das letzte Versteck befand sich in der so genannten "Mühlencolonie" der Holsatiamühle. Der Müller Joseph Christel hatte dort die Fahne, in einer Plane verpackt, unter den Bodendielen in der Wohnung seiner Mutter im Steinkamp 6 versteckt. Bei einer durchgeführten Haussuchung wurde sie aber nicht entdeckt.

In den ersten Monaten nach der Kapitulation des Deutschen Reiches waren politische Parteien durch die Militärregierung noch verboten. Trotzdem trafen sich alte Sozialdemokraten und Gleichgesinnte in sogenannten "Stubenzirkeln". Das erste Treffen in Dietrichsdorf fand im August 1945 bei der Genossin Ida Münzmay statt. Einige Zeit später kam man beim Genossen Joseph Christel zusammen. Feierlich wurde die Traditionsfahne hervorgeholt und zum ersten Mal wieder aufgehängt. Genosse Kurt Herrmann, einer der fünf Teilnehmer, sagte später darüber: "Es war ein gutes Gefühl, das will ich Dir sagen, wir sind wieder da!“

Heutiger Verbleib

Die Traditionsfahne wird gegenwärtig beim 1. Vorsitzenden des Ortsvereins, Torsten Stagars, aufbewahrt.